Elie Wiesel

Gestern starb Elie Wiesel mit 87 Jahren, ein großer Denker und Mahner, vondem auch gesagt wird, er sie das Gewissen der Welt.

Zum Gedenkenan ihn, hier Auszüge aus einem Text von ihm, den ich in anderem Zusammenhang schon einmal zitiert habe und der immer noch sehr aktuelle Bezüge hat.

Elie Wiesel, Angst vor dem Fremden

Warum begegnet man dem Fremden mit Misstrauen?
Warum hält man Abstand zu ihm?
Er kam ungebeten, wird man sagen, also stört er,
er ist aus dem Nichts aufgetaucht, von irgendwoher
und obendrein nimmt er einem anderen den Platz
wenn nicht gar das Leben weg.

Geheimnisumwoben dringt er in eine Weilt,
die vor ihm da war und seiner scheinbar nicht bedarf.
Er mag Angst haben – aber man hat auch Angst vor ihm.
Der Fremde macht Angst. Das ist unbestreitbar.
Der Fremde vertritt all das, was wir nicht sind.
Der Fremde ist der andere.

Weil er uns Angst macht, stellt der Fremde unsere eigene Rolle in der Gesellschaft in Frage.
Ich muss ihn nur ansehen, um zu begreifen, dass auch ich,
in den Augen eines anderen, ein Fremder sein kann.
Für ihn wäre ich jemand, der ihm Angst macht.
Betrachtet man die ganze Menschheit, so kann man schließen,
dass wir allesamt Fremde sind.
Wir alle tragen etwas in uns,
das uns nicht gehört,
das wir nicht enträtseln, in das wir nicht vordringen können.
Weil er mich auf eine Weise ähnlich ist, erschreckt mich der Fremde.
Letztlich fürchte ich ihn auch, weil ich vor mir selbst erschrecke.

Wie, wenn ich der andere wäre?
Die Wahrheit ist: Er gleicht mir.
Mehr noch: Er zwingt mir seine Rolle auf.
Dass ich ein Heim, einen Beruf und eine Familie habe,
das heißt nicht, dass ich weniger fremd bin als er.

Wie rasch kann der Alteingesessene entwurzelt werden,
von einem Augenblick zum anderen verliert der Mensch,
der glücklich und zufrieden lebte, seien Platz auf der Lichtseite der Gesellschaft.
Wie schnell kann alles ins Wanken geraten.
Wie verwundbar sind wir doch als Menschen.

Man kann schnell selbst zum Fremden werden.
Man wird ausgeschlossen, weil es Menschen gibt, die einen verstoßen.
Das heißt auch: Stets trägt einer die Verantwortung dafür,
dass der andere sich nicht mehr zugehörig fühlen darf.
Es ist meine Schuld, wenn der andere zum anderen wird.
Von mir hängt es ab, ob sich ein Mensch zu Hause fühlt oder nicht,
ob er gelassen oder verängstigt in unsere Welt blicken kann.
Der Fremde hat Anspruch auf mich
Ich verkörpere seine Hoffnung.“

 

 

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3 Antworten zu Elie Wiesel

  1. DPNews schreibt:

    Sehr würdevoller Beitrag! Schönen Sonntag wünsche ich dir!

  2. minibares schreibt:

    Eine Hommage an Elie Wiesel

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