Gedenken

Auch in diesem Jahr fand wieder eine Mahnwache zum Jahrestag der Pogromnacht am 9.11.1938 statt. In Wittlich versammelten sich an diesem Datum nun schon zum vierzigsten mal Menschen zum Gedenken. 1976  hatte eine Pax-Christi-Gruppe damit angefangen – damals noch vor der Synagoge. Seit der Marktplatz verkehrsfrei bzw. verkehrsberuhigt wurde findet diese Mahnwache dort statt.

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Dazu ein Text von Elie Wiesel, der gerade heute sehr aktuelle Bezüge hat.

Elie Wiesel, Angst vor dem Fremden

„Warum begegnet man dem Fremden mit Misstrauen?
Warum hält man Abstand zu ihm?
Er kam ungebeten, wird man sagen, also stört er,
er ist aus dem Nichts aufgetaucht, von irgendwoher
und obendrein nimmt er einem anderen den Platz
wenn nicht gar das Leben weg.

Geheimnisumwoben dringt er in eine Weilt,
die vor ihm da war und seiner scheinbar nicht bedarf.
Er mag Angst haben – aber man hat auch Angst vor ihm.
Der Fremde macht Angst. Das ist unbestreitbar.
Der Fremde vertritt all das, was wir nicht sind.
Der Fremde ist der andere.

Weil er uns Angst macht, stellt der Fremde unsere eigene Rolle in der Gesellschaft in Frage.
Ich muss ihn nur ansehen, um zu begreifen, dass auch ich,
in den Augen eines anderen, ein Fremder sein kann.
Für ihn wäre ich jemand, der ihm Angst macht.
Betrachtet man die ganze Menschheit, so kann man schließen,
dass wir allesamt Fremde sind.
Wir alle tragen etwas in uns,
das uns nicht gehört,
das wir nicht enträtseln, in das wir nicht vordringen können.
Weil er mich auf eine Weise ähnlich ist, erschreckt mich der Fremde.
Letztlich fürchte ich ihn auch, weil ich vor mir selbst erschrecke.

Wie, wenn ich der andere wäre?
Die Wahrheit ist: Er gleicht mir.
Mehr noch: Er zwingt mir seine Rolle auf.
Dass ich ein Heim, einen Beruf und eine Familie habe,
das heißt nicht, dass ich weniger fremd bin als er.

Wie rasch kann der Alteingesessene entwurzelt werden,
von einem Augenblick zum anderen verliert der Mensch,
der glücklich und zufrieden lebte, seien Platz auf der Lichtseite der Gesellschaft.
Wie schnell kann alles ins Wanken geraten.
Wie verwundbar sind wir doch als Menschen.“

Waren sie die Fremden, die Juden, damals, in den 1930er Jahren?
Waren sie nicht Freunde, Nachbarn, Arbeitskollegen, Schulkameraden?
Waren sie Feinde? Waren sie eine Bedrohung für Deutschland, damals?
Sie, die seit Jahrhunderten hier lebten?
Wer hatte Angst vor den Juden?
Wer war das „Wir“, wer waren die „Anderen“?
Was war „das Volk“?
Wer war „das Volk“?
Waren sie Deutsche, die Juden? Genauso Deutsche wie alle?

Wer ist heute das „Wir“? Wer sind die „Anderen“?
Wir Christen – ihr Muslime?
Wir Deutsche – ihr Ausländer?
Wir Einheimische – ihr Flüchtlinge?
Wer ist ein Deutscher, eine Deutsche, heute?
Gibt es „das Volk“ überhaupt?
Wer ist „das Volk“, heute?
Sind Muslime Deutsche? Genauso Deutsche wie alle?
Wer sind die Fremden?

noch einmal Elie Wiesel:

„Man kann schnell selbst zum Fremden werden.
Man wird ausgeschlossen, weil es Menschen gibt, die einen verstoßen.
Das heißt auch: Stets trägt einer die Verantwortung dafür,
dass der andere sich nicht mehr zugehörig fühlen darf.
Es ist meine Schuld, wenn der andere zum anderen wird.
Von mir hängt es ab, ob sich ein Mensch zu Hause fühlt oder nicht,
ob er gelassen oder verängstigt in unsere Welt blicken kann.
Der Fremde hat Anspruch auf mich
Ich verkörpere seine Hoffnung.“

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7 Antworten zu Gedenken

  1. Ilanah schreibt:

    Diese Mahnwachen sind soooo wichtig. Und die Worte von Elie Wiesel sind aktueller denn je, wir sollten alle nicht vergessen, was geschehen ist und den Rechten entgegentreten.

  2. Ilanah schreibt:

    Hat dies auf Das Leben – bunt wie ein Regenbogen rebloggt und kommentierte:
    Wichtig in den heutigen Tagen.

    Wichtig, um nicht zu vergessen!!

    Elie Wiesels Worte sind auch aktueller denn je.

    Danke für deinen Eintrag, lieber Werner

  3. minibares schreibt:

    Weise Worte von Elie Wiesel.
    Eure Mahnwache ist ein gutes Zeichen.
    Liebe Grüße Bärbel

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